Dieser Artikel wurde erstellt auf Grundlage einer Ausarbeitung von
George M. Strain, Professor of Neuroscience, Veterinary Physiology, Pharmacology
and Toxicology, School of Veterinary Medicine; and Associate Vice Chancellor,
Office of Research and Graduate Studies, Louisiana State University, Baton
Rouge, Louisiana.
Das Original "Congenital Deafness and Its Recognition" ist nachzulesen
unter
http://its2.ocs.lsu.edu/guests/senate/public_html/VetClinNA.htm
Taubheit - was ist das ?
Einleitung
Angeborene Taubheit bei Hunden und Katzen findet man meistens in der
erblichen, sensoneuralen Form in Verbindung mit Genen der Weiß-Pigmentierung,
aber auch Formen der erworbenen Taubheit sind möglich. Das größte
Vorkommen findet man bei weißen Katzen, besonders bei denen mit blauen
Augen, beim Dalmatiner und in gewissem Ausmaßen auch bei vielen anderern
Hunderassen.
Diese Taubheit entsteht durch eine Degeneration der Blutversorgung
der Cochlea (= Gehörgangschnecke) im Alter von etwa drei bis 4 Wochen,
wahrscheinlich durch Unterdrückung von Melanozyten durch die weißen
(Katze) bzw. Merle- oder Scheckungs-Gene (Hund). Der Mechanismus der Vererbung
bei den meisten Rassen ist nicht eindeutig. Mit solchen Tieren sollte aber
nicht gezüchtet werden.
Eine objektive Diagnose der Taubheit, besonders wenn sie nur einseitig
ist, stützt sich auf die "brain stem auditory evoked response" (BAER,
in Deutschland audiometrischer Test), ein elektro-diagnostischer Test,
bei dem elektrische Aktivitäten als Antwort auf eine Stimulanz mit
Nadel-Elektroden und einem speziellen Computer auf der Kopfhaut gemessen
werden.
Die sensorischen Funktionen bei neugeborenen Hunden und Katzen sind
zunächst einmal Tast-, Geruchs- und Geschmacksinn. Seh- und Hörvermögen
(obwohl teilweise bei der Geburt bereits vorhanden) zeigen beim Hund nach
der Geburt eine beachtliche Entwicklung; die Augen öffnen sich beim
Welpen nicht vor 8 bis 10 Tagen, die Gehörgänge nicht vor 12
bis 13 Tagen und diese Systemfunktionen sind erst ab einem Alter von etwa
3 Monaten völlig ausgereift. Ähnliche Zeiten kann man bei Katzen
beobachten.

Taubheitsformen definieren sich aus drei Komponenten:
Auftreten:
es wird unterschieden, ob das Tier bereits seit Geburt (oder kurz danach)
taub ist, oder ob die Taubheit erst im Laufe der weiteren Lebenszeit aufgetreten
ist (z.B. im Alter).
Herkunft:
hier wird unterschieden, ob die Taubheit durch genetische Vererbung
entstanden ist oder ob sie z.B. durch eine Entzündung ausgelöst
wurde.
Typ:
hier wird unterschieden, ob die Ursache in der nicht stattfindenden
Schallübertragung (z.B. Verschluss des Gehörgangs) liegt, oder
aber ob eine Störung der Sensorik und/oder Nerven vorliegt
Die am häufigsten auftretenden Formen bei Hunden und Katzen sind
die angeborene, vererbliche und sensoneurale Taubheit, dann die später
auftretende, sensoneurale erworbene Taubheit und die später auftretende,
erworbene conduktive Taubheit. Eine Unterscheidung zwischen vererbter und
erworbener Taubheit ist generell ohne Zuchtversuche nicht möglich,
aber man kann bei Rassen mit einem hohen Taubheitsanteil von einer Vererbung
ausgehen. Die häufigste Form bei jungen Tieren ist die angeborene,
vererbte sensoneurale Taubheit, in seltenen Fällen die erworbene conduktive
oder die erworbene sensoneurale Form.

PATHOPHYSIOLOGIE DER TAUBHEIT
Anm.: Pathophysiologie = Lehre von den krankhaft gestörten
Lebensvorgängen und deren Entstehung.
Die Wahrnehmung von Schall erfordert zunächst eine Übertragung
durch das äußere und mittlere Ohr zur Cochlea (Schnecke), um
dort durch neurale Haarzellen umgesetzt zu werden (Transduktion).
Conduktions-Taubheit
Anm.: Conduktion = Leitung, Übertragung
Conduktions-Taubheit resultiert aus einer Blockade der Schallübertragung
zur Chochlea als Folge eines Verschlusses des Ohrkanals oder der Mittelohrhöhle,
oder auch von Entwicklungsstörungen. Ein Verschluss kann entstehen
durch eine Überproduktion von Ohrschmalz, durch eine Außen-
oder Mittelohrentzündung oder durch Fremdkörper.
Entwicklungsstörungen, die selten sind, können Atresie (fehlende
Öffnung) zur Paukenhöhle oder zu den Gehörknöchelchen,
eine Verbindung der Gehörknöchelchen, oder ein Kollaps des Gehörgangs
durch Knorpelschwäche oder unvollständiger Ausbildung, sein.
Conduktions-Taubheit kann teilweise oder vollständig auftreten und
kann in einigen Fällen durch einen Eingriff korrigiert werden.
Bis sich der Körper aber von eitrigen und anderen Rückstanden
einer Mittelohrentzündung befreit hat, können nach Beendigung
der Entzündung Wochen und Monate vergehen und somit ist auch die Wiederherstellung
des Hörvermögens entsprechend verzögert.
Vererbte Formen der Conduktionstaubheit sind bei Haustieren nicht bekannt,
aber das Auftreten dieser Taubheitsform durch einen spontanen genetischen
Schaden ist vorstellbar.
Sensoneurale Taubheit
Sensoneurale Taubheit ist eine Folge des Verlustes von Haarzellen der
Cochlea, ausgelöst durch primäre oder sekundäre Mechanismen
(siehe unten).
Dabei unterscheidet man zwei Formen: erworbene oder vererbte Taubheit:
Angeborene, erworbene,
sensoneurale Taubheit
Angeborene, erworbene, sensoneurale Taubheit, die selten ist, kann durch
den Kontakt mit ototoxischen (= auf das Gehör giftig wirkende) Substanzen
in der Gebärmutter oder in der Zeit um die Geburt herum, entstehen;
z.B. durch eine Behandlung des Muttertieres mit bestimmten Antibiotikas,
oder einer Ohren- oder Hirnhautentzündung im Mutterleib, Sauerstoffmangel
oder sogar durch ein Trauma.
Züchter mit Tieren, bei denen vererbte, sensoneurale Taubheit
häufig vorkommt, mögen zu der Annahme neigen, dass es sich dabei
um eine erworbene Form handelt, anstatt sich mit den Zucht-Implikationen
einer vererbbaren Form auseinanderzusetzen.
Angeborene, vererbte,
sensoneurale Taubheit
Angeborene, vererbte, sensoneurale Taubheit tritt gewöhnlicherweise
bei Hunde- und Katzenrassen mit weißer Pigmentierung auf. Bei der
kleinen Anzahl von Rassen, wo sie nicht in Verbindung mit weißer
Pigmentierung auftritt (Dobermann und andere Rassen, die nicht das Scheckungs-
oder Merle-Gen haben), resultiert die Taubheit aus dem Verlust der Haarzellen
durch ein Primär-Ereignis unbekannter Herkunft.
Bei Hunderassen die das Scheckungs- oder Merle-Gen oder Katzen mit
dem weißen Gen ist der Verlust der Haarzellen eine Folgeerscheinung
(Sekundär-Ereignis) durch die Degeneration der Blutversorgung der
Cochlea.
Der Querschnitt durch eine Windung der Cochlea zeigt die Aufteilung
der Cochlea in drei parallele Gänge:
- die Scala vestibuli
- die Scala Media (oder Schneckengang) und
- die Scala tympani, die an der Spitze der Cochlea wieder auf die Scala
vestibuli trifft.
Querschnitt durch eine Windung der Cochlea (Schnecke):
Am äusseren Rand des Schneckenganges (Scala media) finden wir die
Stria vascularis. Diese Stria ist verantwortlich für die Absonderung
eines Fluids im Schneckeninneren und die Produktion von sog. K+-Ionen,
die wiederum die Voraussetzung für die Schallübermittlung der
Haarzellen sind. Bei pigmentbedingter, erblicher Taubheit degeneriert diese
Stria, was in der Folge den Verlust der Haarzellen und letztlich Taubheit
bedeutet.
Der Grund für die Degeneration der Stria ist unbekannt. Aber Gewebeuntersuchungen
haben das Fehlen von Melanozyten ( = Pigmentzellen) gezeigt, deren Vorhandensein
oder Entwicklung nach der Geburt durch die erwähnten Scheckungs- oder
Merle-Gene unterdrückt wird. Die Aufgabe der Melanozyten in der Stria
ist unklar, aber sie scheinen entscheidend zu sein für die die Erhaltung
des K+-Gehaltes (ca. 70 bis 80 mV) im Schneckengang und für das Überleben
der Stria.
Egal ob der Tod der Haarzellen nun ein Primär- oder ein Sekundär-Effekt
ist, der Verlust ist in jedem Fall permanent, da Säugetiere nicht
in der Lage sind,
Nervengewebe im Gehörgang zu regenerieren.
Beim Dalmatiner hat sich gezeigt, dass sich nach der Geburt das Hörvermögen
bis zum Alter von 3 Wochen normal entwickelt und dann die Degeneration
der Stria zu einem rapiden Verlust der Haarzellen-Leistung führt.
Für andere Rassen mit pigmentabhängiger Taubheit ist eine ähnlicher
Zeitverlauf wahrscheinlich, aber das ist noch nicht untersucht. Genauso
ist der Zeitverlauf der angeborenen Taubheit bei Hunderassen ohne Verbindung
zu den Pigmenten noch nicht dokumentiert, aber es ist sehr wahrscheinlich,
dass die Taubheit auch hier bereits bei der Geburt oder kurz danach vorhanden
ist.
Als eine Folge des erwähnten Alters von 3 bis 4 Wochen, in dem
Taubheit auftritt, werden Hörtests, wie sie nachfolgend beschrieben
werden, typischer weise nicht durchgeführt, bevor das Tier nicht mindestens
5 Wochen alt ist.
Es wird von einer grossen Anzahl Rassen berichtet, die von angeborener
Taubheit betroffen sind. Nicht bei allen ist bewiesen, dass sie etwas mit
Vererbung zu tun haben. Siehe Tabelle. Die dort
fett gedruckten Rassen sind bekannt als Rassen mit hohem Vorkommen, aber
ein ähnlich hoher Anteil kann auch bei andern Rassen existieren, bei
denen aber nicht regelmäßig getestet wird. Allerdings ist die
Anzahl der gemessenen Tiere pro Rasse sehr unterschiedlich. Im Ergebnis
der von Dr. Strain erfassten Tiere zeigen die Dalmatiner das höchste
Aufkommen in den Messungen aber auch in den positiven Ergebnissen. Rund
30 % dieser Rasse sind einseitig oder beidseitig taub, bei den anderen
Rassen liegt dieser Wert zwischen 8 und 20 Prozent. Normalerweise kommen
zwei bis drei einseitig taube Tiere auf jedes beidseitig taube Tier.
Untersuchung Dr. Strain:
| Vorkommen der rassenspezifischen Taubheit |
|
Rasse
|
unter-
suchte Tiere |
beidseitig hörend |
einseitig taub |
beidseitig taub |
Summe taub |
| Dalmatiner |
5009 |
70.2% (3510) |
22.0% (1100) |
8.0% (399) |
30.0% (1499) |
| Bull Terrier |
573 |
89.0% (510) |
9.9% (57) |
1.0% (6) |
11.0% (63) |
|
weiß |
299 |
80.9% (242) |
17.1% (51) |
2.0% (6) |
19.1% (57) |
|
farbig |
272 |
97.8% (266) |
2.2% (6) |
0.0% (0) |
2.2% (6) |
| English Setter |
530 |
85.7% (454) |
12.1% (64) |
2.3% (12) |
14.3% (76) |
| English Cocker Spaniel |
828 |
92.8% (768) |
6.2% (51) |
1.1% (9) |
7.2% (60) |
|
mehrfarbig |
794 |
92.6% (735) |
6.3% (50) |
1.1% (9) |
7.4% (59) |
|
einfarbig |
34 |
97.1% (33) |
2.9% (1) |
0.0% (0) |
2.9% (1) |
| Australian Cattle Dog |
238 |
87.4% (208) |
10.5% (25) |
2.1% (5) |
12.6% (30) |
| Catahoula Leopard Dog |
48 |
31.3% (15) |
27.1% (13) |
41.7% (20) |
68.8% (33) |
| Jack Russell Terrier |
47 |
80.9% (38) |
8.5% (4) |
10.6% (5) |
19.1% (9) |
Bei Rassen mit weißem Outfit gibt es ein wesentlich höheres
Vorkommen als bei Rassen mit nicht-weißem (Bull Terrier, English
Cocker) Äußeren.
Das Vorkommen bei reinrassigen Katzen ist noch nicht gemessen worden,
aber ist am höchsten bei Rassen mit dem weißen Gen, besonders
bei Katzen mit blauen Augen. Bei 256 Mischlingskatzen wurde bei weißen
Katzen in 12 % einseitige und bei 38 % beidseitige, also zusammen bei 50
% Taubheit festgestellt. Die Anzahl des Vorkommens steigt proportional
mit dem Anteil der Katzen mit blauen Augen, aber nicht alle blauäugigen
Katzen sind taub.
Bei weißen Mischlingskatzen war der Anteil der Taubheit (ein-
und zweiseitig) jeweils 17%, 40% und 85% bei Katzen mit keinem, einem oder
zwei blauen Augen.
Genetik der Taubheit
Taubheit in Verbindung mit Pigmenten ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt,
aber der Vererbungsmechanismus ist immer noch nicht vollständig erforscht.
Das Merle-Gen, welches für die Musterung des Felles mit dunklen
und hellen Haaren verantwortlich ist, ist ein einfaches, autosomales, dominantes
Gen.
Hunde, die bzgl. des Merle-Gen homozygotisch (= gleichartige Erbanlagen)
sind, sind gewöhnlich taub und häufig völlig weiß,
blind und steril.
Heterozygoten (Mischerbige) haben mit zunehmendem Weiß-Anteil
im Fell auch eine zunehmende Tendenz zur Taubheit. Obwohl das Merle-Gen
ein dominantes Gen ist, wird die Taubheit nicht als einfach dominante (oder
rezessive) Störung vererbt.
Die Scheckungs- oder extremen Scheckungs-Gene, die für die weißen
Haare bei Rassen ohne Merle-Gene zuständig sind, sind einfach, autosomal
und rezessiv.
Als Ergebnis sind Tiere mit überwiegend weißen Flächen
homozygotisch.
Ein Beispiel sind die Dalmatiner, von denen alle bzgl. des extremen
Scheckungs-Gens homozygotisch sind.
Die schwarze (dominante) oder braune (rezessive) Grundfarbe wird
überdeckt durch das extreme Scheckungs-Gen, und Flecken werden durch
das Weiß hindurch produziert vom dominanten Ticking-Gen.
Die Dichte und Stärke der Fleckung wird also vom Ticking-Gen kontrolliert
und nicht vom Scheckungs-Gen und spielt bezüglich dem Taubheitsvorkommen
keine Rolle.
Ausgehend von Untersuchungen beim Dalmatiner ist die Taubheit bei Rassen
mit dem Scheckungs-Gen weder einfach rezessiv noch dominant. Die Zucht
mit beidseitig hörenden Eltern bringt immer wieder taube Nachkommen
hervor, also ist der Mechanismus nicht einfach dominant. Die Zucht mit
zwei beidseitig tauben Eltern bringt sowohl taube als auch hörenden
Nachwuchs hervor; letzteres könnte nicht vorkommen, wenn der Defekt
einfach rezessiv wäre und beide Elternteile homozygotisch wären.
Vererbung von Taubheit in Verbindung mit dem Scheckungs-Gen muss also
polygenetisch sein oder beinhaltet unvollständige Ausprägung
oder Durchdringung, oder Kombinationen davon.
Molekular-genetische Studien zur Taubheit bei Menschen und Mäusen
gehen davon aus, dass die Taubheit von einem Gen verursacht wird, das für
die Regulierung der Scheckungs-Gene zuständig ist. Bestätigt
wird dies durch weitere Feststellungen beim Dalmatiner. Eine Platte, engl.
patch, beim Dalmatiner ist ein großer schwarzer oder brauner Fleck
beim neugeborenen Welpen, der normalerweise völlig weiß ist;
Platten sind im Zuchtstandard des Dalmatiners nicht erlaubt. Die Platten
sind vermutlich die Folge einer schwachen Ausprägung des extremen
Scheckungs-Gens, was zu einem Versagen beim Überdecken der darunterliegenden
Fellfarbe führt. Dalmatiner mit Platten sind statistisch gesehen
weniger von Taubheit betroffen als diejenigen ohne.
Wenn das extreme Scheckungs-Gen stark ausgeprägt ist, wird das
braune Pigment in der Iris unterdrückt, was blaue Augen bedeutet (und
häufig das Fehlen von Pigmenten im Tapetum lucidum), und die Melanozyten
in der Stria vascularis der Cochlea werden unterdrückt, was zur Taubheit
führt.
Dalmatiner mit blauen Augen sind statistisch stärker von Taubheit
betroffen, als solche mit braunen Augen. Tiere mit blauen Augen sind in
den USA zur Zucht zugelassen, nicht aber in Canada, Mexico oder Europa.
Das Vorkommen von Taubheit ist in Europa geringer (einseitig und beidseitig
taub zusammen liegt in England bei 21%, in Holland bei 18%, in den USA
bei 30%), und das Wegzüchten von blauen Augen hat das Taubheitsvorkommen
in Norwegen reduziert.
Verhaltensanzeichen bei Taubheit
Neugeborene Welpen und Katzen mit noch nicht entwickeltem Hör-
und Sehvermögen benutzen andere sensorische Möglichkeiten. Bei
fortschreitender Entwicklung können sie dann laute Geräusche
wahrnehmen, obwohl der Gehörgang noch nicht offen ist. Ein Züchter,
der sich auf diese Fähigkeit verlässt, muss sich später
oft eines besseren belehren lassen.
Verhaltenstests nach dem Öffnen des Gehörganges stützen
sich auf bestimmte Reaktionen auf Schall-Stimulanzen unter Ausschluss anderer,
feststellbarer sensorischer Signale. Die Geräusche sollten außerhalb
des Gesichtsfeldes produziert werden, unter Vermeidung von visuellen Zeichen,
Vibrationen, Berührungen und Luftbewegungen.
Verhaltenstests sind aber nur eingeschränkt tauglich; Reaktion
von Tieren verändern sich rapide, selbst bei vorhandenem Gehör,
gestresste Tiere reagiern nicht trotz intaktem Gehör, und einseitig
taube Hunde lassen sich so gar nicht feststellen. Bei einseitigen Tauben
ist der einzige Hinweis, das sich die Tiere offensichtlich schwer tun,
den Ursprung des Geräusches zu orten, da ihnen das räumliche
Hörvermögen fehlt.
Bei Jungtieren kommt hinzu, dass der taube Welpe sich gerne an seinen
Geschwistern orientiert und so eine falsche Reaktion vortäuscht.
Ein schlafender Welpe, der trotz lauten Lärms nicht aufwacht ist
mit größter Sicherheit beidseitig taub. Wacht der Welpe auf,
wissen Sie aber immer noch nicht, ob er nicht einseitig taub ist.
Kurz: verhaltensabhängige Hör-Tests, zu Hause oder in der
Klinik, sind von eingeschränkter Verlässlichkeit. Für ein
objektives Ergebnis sind elektrodiagnostische Untersuchungen erforderlich.
Elektro-Diagnose der Taubheit
Elektrodiagnostische Untersuchungen des Gehörs sind unter verschiedenen
Begriffen bekannt, beruhen aber alle auf dem gleichen Prinzip. Im englischsprachigen
Raum kennt man den BAER-Test (brain stem auditory evoked response), auch
bekannt als BAEP (brain stem auditory evoked potential) oder ABR
(auditory brain stem response). Im deutschprachigen Raum spricht man schlicht
von Audiometrie, das dabei erstellte Protokoll wird mit AEP abgekürzt.
Das Verfahren wurde in den 70er Jahren entwickelt und erstmals in der
Veterinärforschung eingesetzt, als klinische Anwendung wird es seit
den frühen 80ern eingesetzt.
Die Audiometrie misst elektrische Aktivitäten in der Cochlea und
im Gehirn, ähnlich wie bei einem EKG die elektrischen Ströme
im Herz gemessen werden.
Die ausgegebenen Kurven bestehen aus einer Serie von Spitzen. Die erste
wird dabei von der Cochlea und dem Hörnerv produziert, die folgenden
vom Gehirn.
Die Ausgabekurve eines tauben Ohres ist eine im wesentlichen flache
Linie.
Da die Amplitude sehr klein ist, werden mehrere Stimulierungen durchgeführt
und dann der Durchschnitt gebildet. Damit werden Einflüsse ausgeschlossen,
die nichts mit dem Gehör zu tun haben (elektroenzephalographische
Aktivitäten, Muskelaktivitäten).
Abb.: Der typische Kurvenverlauf eines gesunden Ohres
Die Reaktionen werden auf einem speziellen Computer mittels Nadel-Elektroden
erfasst, die in die Kopfhaut eingeführt werden: eine vor jedes Ohr,
eine an der Kopfoberseite, und eine Masse-Elektrode zwischen oder hinter
den Augen oder im Nacken. Der Hund verspürt dabei kaum einen Schmerz,
eher stört ihn das Festgehaltenwerden und die vielen Drähte vor
seiner Nase.
Nun wird mit einem schaumstoffgepolsterten Ohrhörer ein Stimulus-Click
produziert (luftgeleitet). Jedes Ohr wird separat getestet und das Ganze
dauert etwa 10 bis 15 Minuten. Beruhigungsmittel oder gar Narkosen sind
nicht erforderlich, es sei denn, der Hund ist extrem aufgeregt, was man
normalerweise mit Geduld und sanftem Umgang verhindern kann. Beruhigungsmittel
und Narkose beeeinträchtigen übrigens nicht das Testergebnis.
Der Stimulus-Click beinhaltet fast alle hörbaren Frequenzen mit
Ausnahme der ganz hohen. Die Audiometrie ist an sich eine frequenzunabhängige
Untersuchung, die in erster Linie das Vorhandensein oder das völlige
Fehlen des Hörvermögens feststellt, ohne dabei einen Hörverlust
etwa in Dezibel zu quantifizieren.
Die Einschätzung des normalen Hörvermögens wird auf
der Grundlage der ersten Spitze, die nach kürzester Zeit erscheinen
muss, und dem Vorhandensein eines erwarteten Gesamtmusters der Kurve vorgenommen.
Abb.: Dieser Kurvenverlauf zeigt noch Reaktionen der Cochlea an,
aber kaum Reaktionen mehr im Hirn. Ein Hinweis darauf, dass die
Haarzellen noch nicht komplett abgestorben sind - noch nicht.
Das AEP wurde im Alter von 50 Tagen bei unserer Biggy gemacht.
Mit zunehmendem Gehörverlust reduziert sich der Ausschlag der Spitzen
und die Zeit bis zur Reaktion wird länger; auf diese Weise kann auch
ein teilweiser Hörverlust festgestellt aber nicht quantfiziert werden,
und Hörverluste für bestimmte Frequenzen können nicht ermittelt
werden. Eine Diagnose von partiellem Hörverlust mittels Audiometrie
ist mit Vorsicht zu genießen, da eine Reihe von technischen Faktoren
den Spitzenausschlag und die Verzögerung beim hörenden Tier beeinflussen
können. Glücklicherweise ist teilweiser Hörverlust bei Welpen
und Jungkatzen sehr selten.
Abb.: typischer Kurvenverlauf eines AEP's von einem komplett
tauben Ohr
Ein audiometrischer Test wird bei Hunden und Katzen am sinnvollsten
im Alter von etwa 40 Tagen durchgeführt. Theoretisch kann der Test
auch davor ausgeführt werden, wenn (wegen der noch verschlossenen
Gehörgänge) eine lautere Stimulanz verwendet wird. Da jedoch
eine potentielle Taubheit zu dieser Zeit noch nicht ausgereift ist, macht
dies wenig Sinn.
Manchmal ist es nützlich, zwischen sensoneuraler und conduktiver
Taubheit zu unterscheiden, da dies bezüglich züchterischer Entscheidungen
wichtig sein kann.
Beim Verdacht einer conduktiven Taubheit (z.B. bei langohrigen Hunden,
kürzliche Entzündungen), kann der Test auch auf mechanischer
Basis durchgeführt werden. Dabei wirkt die Stimulanz in Form von Vibrationen
auf die Knochen.
Da die Cochlea in Knochen eingebettet ist, umgeht diese Testform das
Außen- und Mittelohr, die Stellen der Blockade, und aktiviert direkt
die Cochlea.
Das Kurven-Ergebnis ist das gleiche wie beim luftgeleiteten Test, nur
die Verzögerungszeiten sind kürzer durch den kürzeren Weg
der Stimulanz. |