Platten und Taubheit

Der sehr hohe Anteil an tauben Tieren beim Dalmatiner führt immer wieder zu Diskussionen über Möglichkeiten zur Eindämmung dieser Behinderung.
Eine der bereits eingeführten Maßnahmen ist, dass einseitig oder beidseitig taube Hunde nicht in der Zucht verwendet werden dürfen.

In letzter Zeit wird verstärkt versucht, auch die Erkenntnisse über die vermuteten Ursachen der Taubheit in die Zuchtbestimmungen miteinzubeziehen (siehe hierzu auch:
Taubheit - was ist das ?)

Letztendlich führten diese Erkenntnisse dazu, dass der FCI-Standard des Dalmatiners um Zuchtempfehlungen erweiter wurde.
Im  Standard Nr. 153, F. C. I.  vom 14.04.1999 heißt es nun:
 

Empfehlung: 

Um die Häufigkeit der Taubheit beim Dalmatiner (20 - 30 %) herabzusetzen 

  • sollten beidseitig taube Dalmatiner, sowie blauäugige Dalmatiner von der Zucht ausgeschlossen werden, im Idealfall einseitig taube Hunde desgleichen 
  • Hunde mit Monokel (periokuläre Platte) oder Platten anderswo sollten zur Zucht zugelassen werden 
  • Hunde mit pigmentiertem Hodensack sollten bevorzugt werden 

Da es sich hierbei um eine Empfehlung handelt, ist es natürlich den nationalen Vereinen/Verbänden freigestellt, inwieweit sie diese verbindlich in ihre Richtlinien einbauen.

Was sind Platten ?

Die eigentliche Farbe des Dalmatiners ist nicht weiß.
Die meist schwarze oder braune Grundfarbe wird durch das extreme Scheckungs-Gen weiß überdeckt, und Flecken werden durch das Weiß hindurch produziert vom sog.  Ticking-Gen. 
Das Scheckungs-Gen sorgt nun dafür, dass Dalmatiner im Normalfall vollkommen weiß geboren werden. Erst nach etwa 10 Tagen sorgt das andere Gen dafür, dass in die weiße Überlagerung "Löcher" eingebaut werden, wodurch die typischen dunklen Punkte entstehen.

ricohBei Platten (engl.: patches) finden wir nun bereits beim neugeboren Welpen solche dunklen Flecken, meist größer als die späteren Tupfen, oft am Kopf und dort häufig am Auge (Monokel, periokulär = um das Auge herum) und an den Ohren. Das nebenstehende Bild zeigt Rico aus der dalmashow mit einer Augenplatte.

Beim ausgewachsenen Tier zeigen sich diese Platten dann als zusammenhängende dunkle Flächen, bei schwacher Ausprägung oft nur noch vom Experten zu erkennen.

Bei allen Platten gilt, dass sie neben ihrer Sichtbarkeit keinerlei weitere Auswirkungen nachteiliger Art haben. Da der Rassestandard aber bisher Platten als Grund für den Zuchtausschluss vorsah, gilt diese rein optische Erscheinung als Makel.

Weißes Fell und Taubheit

Wie an anderer Stelle in diesem Kapitel bereits beschrieben, ist inzwischen unstrittig, dass das Vorkommen von Taubheit bei Tieren (also nicht nur bei Dalmatinern und Hunden) proportional mit dem Weißanteil im Fell zunimmt.
Umgekehrt müsste es also heißen, um so geringer der Weißanteil im Fell, um so geringer auch die Gefahr der Taubheit.
Wenn also ein vorwiegend weißes Tier wie der Dalmatiner aus irgendwelchen Gründen einen ungewöhnlichen Anteil an dunklem Fell hat, so könnte die Vermutung nahe liegen, dass es dann auch weniger von Taubheit betroffen ist.

Sind Dalmatiner mit Platten weniger anfällig für Taubheit?

Es gibt dazu meines Wissens in Europa keine verlässlichen Studien.
Jedoch gibt es mehrere Untersuchungen in den Staaten, die u.a. zu folgendem Ergebnis kamen:

Strain und andere, 1992:
Untersuchte Tiere: 1004
 

ohne Platten mit Platten
einseitig taub 23,1 % 9,2 %
beidseitig taub 8,2 % 2,0 %
total 31,3 % 11,2 %

 

Strain und Tedford, 1996:
Untersuchte Tiere: 4596
 

ohne Platten mit Platten
einseitig taub 23,3 % 8,5 %
beidseitig taub 8,4 % 2,0 %
total 31,7 % 10,5 %

Weitere Untersuchungen ( Holliday 1992, Greibrokk 1994,  Famula 1996) kommen zu ähnlichen Ergebnissen.
Die Übertragbarkeit der Zahlen auf Europa wird immer wieder angezweifelt, was richtig sein mag bezüglich des Gesamtanteils von tauben Hunden, aber die Relation bei der Taubheit mit und ohne Platten liegt doch wohl eher in der Genetik als in der geographischen Heimat. Das Taubheitsvorkommen bei Hunden mit Platten ist faktisch nur noch ein Drittel.

Unterstrichen wird der Zusammenhang zwischen Platten und geringerer Anfälligkeit für Taubheit auch durch die Tatsache, dass bei Bull Terriern, bei denen Platten nicht unbedingt als zuchtausschliessend betrachtet werden, Taubheit seltener vorkommt als bei Dalmatinern. Beim Coloured Bullterrier liegt die beidseitige Taubheit  bei 0,0 %, beim weißen Bullterrier bei 1,5 % !
Darüber hinaus hat Dr. Steel 1995 in Laborversuchen mit Mäusen nachgewiesen, dass analog zum Weißanteil im Fell die Pigment-Zellen im Innenohr abnehmen und damit die Taubheitsanfälligkeit zunimmt.

Was geschieht nun in Deutschland?

Wie bereits Eingangs erwähnt, hat die Fédération Cynologique Internationale (FCI) bereits ihre Schlussfolgerung gezogen, und die Zucht mit Plattenhunden als Empfehlung zur Eindämmung der Taubheit mit in den Standard des Dalmatiners aufgenommen; offensichtlich eine Konsequenz aus den Ergebnissen der obigen Studien.

In Deutschland sind sich die Vereine und Verbände über die Umsetzung dieser Empfehlung nicht einig.
Lediglich der Club der Dalmatiner Freunde e.V. hat sich jetzt im Alleingang entschieden,
in Zusammenarbeit mit dem VDH und der Tierärztlichen Hochschule Hannover eine Versuchszucht mit Plattentieren beginnen. Es wird eine kontrollierte Zucht mit ausgewählten Platten-Dalmatinern sein. Darüber hinaus werden Möglichkeiten untersucht, über DNA-Analysen präventive Maßnahmen zur Eindämmung der Verebung von Taubheit zu erlangen.
Das Projekt wird geleitet von Prof. Ottmar Distl vom Institut für Tierzucht und Vererbungsforschung, THH. 
Näheres hierzu ist nachzulesen beim CDF.